künstlerbücher/unikate

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“diszipliniertheit“ - about josé saramago
167 seiten
34 x 22 cm mischtechniken




Aufgekratzte Blicke
Zu den Künstlerbüchern über Brigitte Reimann von Michael Blümel

Bibliomanisch nennt der Künstler Michael Blümel sein Verhältnis zu Büchern. Er sammelt sie, er liebt sie, er behandelt sie als gute Fre&e. Er ist ein Mensch, den es schmerzt, wenn man ein Buch aus dem Regal zieht & es danach nicht an dieselbe Stelle zurückstellt. Doch auch wenn man diese Regel befolgt, kann man noch eine Menge falsch machen, das Buch zu tief ins Regal schieben, dass sein Rücken nicht mit den Rücken der anderen Bücher abschließt zum Beispiel.

Doch Michael Blümel sammelt Bücher nicht nur, sie sind auch die größte Inspirationsquelle für seine künstlerische Arbeit. Dabei reizen ihn Autoren mit einer ungewöhnlichen Persönlichkeit, einem eigenständigen Leben & Werk, vor allem aber sind es die Wechselwirkungen zwischen Biographie & Schreiben, die der Künstler in seinen Bildern einzufangen versucht. Thomas Bernhard, Volker Braun & Brigitte Reimann sind solche Persönlichkeiten, an denen sich die Bildideen des Malers & Illustrators entzünden.

1967 in Bad Mergentheim geboren, gehören Bücher & zuckende Stifte & Pinsel schon bald zum Leben des Heranwachsenden. Bereits mit zwölf Jahren liest Michael Blümel Sartre & andere philosophische Schriften von Descartes, Kant, Schopenhauer, Camus, Wittgenstein, Foucault, Deleuze & beginnt, diese zu illustrieren. Er studiert zunächst Kunstgeschichte, Malerei & Bildhauerei in Mannheim, später Visuelle Kommunikation & Grafik-Design in Freiburg im Breisgau & macht seinen Abschluss mit dem Schwerpunkt Buchgestaltung/Illustration. Er durchstreift Flohmärkte & Antiquariate nach Büchern, aber auch nach solchen, die leer sind, die er selber füllen kann, alte Kassenbücher, Notizbücher oder Kalender. Seit 1997 entstehen neben einer Fülle von Arbeiten auf Papier die ersten Künstlerbücher, eine geradezu zwangsläufige Entwicklung aus mehreren Gründen: Was liegt näher, wenn das Buch Ausgangspunkt der Inspiration ist, die entstandenen Arbeiten ebenfalls in ein Buch zu kleiden? Doch es gibt noch einen anderen, wichtigeren Aspekt: Michael Blümel arbeitet in Serien & Zyklen. Wer sich auf seine Bilderwelt einlässt, ist zunächst überwältigt von der Anzahl der bereits existierenden Werke. Er selbst schätzt sein bisheriges Oeuvre auf r& 30.000 Arbeiten, die einzelnen Seiten der r& 40 Künstlerbücher nicht mit einberechnet.

Wie bannt man diese Fülle? Indem man sie bindet. Als Buch.
Wenn sich Michael Blümel mit einem Autor auseinandersetzt, geht er dabei sehr systematisch vor, indem er dessen Bücher nach Möglichkeit in chronologischer Reihenfolge liest, parallel dazu die Biographie & Sek&ärliteratur. Die Bücher des Autors werden dabei bereits zu Arbeitsbüchern, sie wimmeln von unterschiedlichen Unterstreichungen, Anmerkungen & ersten Skizzen. Die eigentliche künstlerische Auseinandersetzung, die nach oder schon während der Lektüre einsetzt, beschreibt der Künstler selbst als dreigeteilt: In einem ersten Schritt entstehen Skizzen, flüchtig, herantastend. Verschiedene Mischtechniken werden ausprobiert, unterschiedliche Formatgrößen, wobei bei Michael Blümel eine Vorliebe zu kleinen Formaten in Buchgröße auffällig ist. In einer zweiten Stufe entstehen die Künstlerbücher, vom Maler auch gern als „Zwischenbücher“ bezeichnet, da dieser Arbeitsschritt für ihn eine wichtige Zwischenstufe darstellt. Hier wird sortiert, werden Ideen in Zyklen geb&en, kristallisieren sich technische Vorlieben heraus, die dem Autor & dessen literarischen Ausgangsmaterial am ehesten entsprechen. Es findet also eine Konzentration statt, die in eine dritte Phase der Annäherung mündet. In diesem Arbeitsschritt entfernt sich Michael Blümel immer stärker von der Vorlage & dem Buchformat, die Umsetzung wird malerischer & großformatiger, auf Leinwand oder druckgrafisch in Form von Holz- & Linolschnitten.

In der ersten Arbeitsphase probiert Michael Blümel verschiedene Stufen der Nähe, die von einer illustrativen 1zu1-Umsetzung bis hin zu völlig freien Bildmotiven reichen, bei denen der gelesene Stoff nur Ausgangspunkt war, einen eigenen Gedanken umzusetzen. Ein weiteres Element ist das der gemalten Collage: Michael Blümel fügt verschiedene Elemente & Motive aus den Büchern des Autors zusammen & vermengt diese mit biographischen Impressionen. Kein W&er, dass ihn solche Autoren faszinieren, bei denen diese Vermengung von Leben & literarischer Arbeit bereits gegeben ist, wie im besonderen Fall bei Brigitte Reimann.

In der zweiten & dritten Arbeitsphase verstärkt sich die Mischung der Bezüge, ein eigener Blick, eigene, teilweise biographische Bezüge finden Einlass in die Arbeit, der Illustrator sprengt endgültig den Rahmen des Illustrierens & entwickelt seine eigene Bilderwelt, die sich nicht immer leicht entschlüsseln lässt. „aufgekratzte blicke“, der Titel des ersten Künstlerbuches über Brigitte Reimann, steht wie ein Motto für die gesamte Arbeit Michael Blümels. Er verlangt vom Betrachter diesen aufgekratzten Blick, der die Schichten durchdringt & die Mehrbezüglichkeit entschlüsselt. Dabei setzt er jedoch nicht voraus, dass der Betrachter den Autor kennen muss, um seine Bilder vollständig verstehen zu können. Ihm ist es vielmehr ein Anliegen, dass die Bilder einem unvoreingenommenen Betrachter ebenso einen Assoziationsspielraum eröffnen, wie dem belesenen Kunstkenner, für den die Bilder von Michael Blümel eine Herausforderung darstellen, diese zu decodieren. Gerade diese literarische & hintergründige Dimension macht einen zusätzlichen Reiz der Arbeiten aus, & es sind gerade literarisch interessierte Sammler, die den „philosophischen Strich“ (Zitat aus dem Gästebuch des Künstlers) zu schätzen wissen.

Im August 1998 beginnt Michael Blümel mit der Lektüre von Brigitte Reimann, zunächst „Ankunft im Alltag“, dann die beiden Tagebuchsammlungen „Ich bedaure nichts“ & „Alles schmeckt nach Abschied“, zum Schluss der Roman „Franziska Linkerhand“. Er ist sofort fasziniert von ihrem kritischen Blick, ihrem exzessiven, widersprüchlichen Leben & der bildreichen, ausdrucksstarken Sprache. Die schonungslose Selbstkritik ihrer Tagebücher, die Vermengung von Erlebtem & Fiktion, das spannungsgeladene, widersprüchliche Leben finden rasch Niederschlag in expressiven Skizzen. Michael Blümel verleibt sich seinen Brigitte-Reimann-Kosmos ein, das erste Zwischenbuch entsteht & versucht eine Bündelung der Fülle: „aufgekratzte blicke“.

In diesem Buch im kleinen DIN A5-Querformat findet Michael Blümel bereits einige Mischtechniken, die der Stimmung der literarischen Vorlage entsprechen, & die der Künstler selbst als „abstoßende“ Techniken bezeichnet: Wachs versus Aquarell, mit Kreide oder Kerzenwachs bearbeiteter Untergr&, auf dem die Farbe nur schwer haftet, in den man mit der Feder die Striche geradezu hineingravieren muss. Malmittel, die sich nicht vertragen, als Ausdruck eines spannungsgeladenen, widersprüchlichen Lebens. Neben der beschriebenen „abstoßenden“ Mischtechnik herrschen vor allem Tuschezeichnungen vor in einem nervösen, kratzenden Duktus. Wiederkehrende Motive sind Hände, erotische Körperlandschaften & Labyrinthe. Eines der ersten Blätter dieses Buches & eines der wenigen überhaupt trägt einen Titel: „tagebuchglotzer“. Hier bringt der Künstler selbstironisch seinen eigenen Blick mit ein, bekennt sich zum Voyeur.

Es folgt das Künstlerbuch „impulse“, das sich mit den Einflüssen beschäftigt, die für das Leben Brigitte Reimanns bestimmend waren. Auffällig ist das größere Format DIN A4, das dem Künstler ermöglicht, den Motiven mehr Raum zu geben & ringsherum Luft zu lassen. Anders als bei „aufgekratzte blicke“, drängen die Bilder nicht aus dem Format heraus, sie sind konzentrierter. Die „abstoßende“ Mischtechnik wird weiterentwickelt mit farbigen Wachskreiden, die Motive werden bunter, Bleistift gesellt sich dazu. Auch der Grad der Abstraktion verstärkt sich, der Künstler emanzipiert sich immer mehr von der literarischen Vorlage.

Im dritten Künstlerbuch „auf ex“, das sich mit dem Thema Alkoholismus & anderen Exzessen auseinandersetzt, tritt Michael Blümel als Kommentator immer stärker in den Vordergr&. Viele der Blätter haben Titel, teilweise Zitate aus Büchern Brigitte Reimanns, in der Überzahl jedoch eigene, häufig ironische Assoziationen des Künstlers: „funktionäre/funktionäre/mit `ner schere/mit `ner schere“ lautet ein Titel & erinnert in seiner Wiederholung an einen albernen Kinderreim. Die stupide Arbeit in der Fabrik findet ihren Widerhall im Titel „bandblödheit“. Während der Mensch zur Maschine wird, bekommen Maschinen geradezu menschliche Züge: „die löcher drehen der raupe ein schwindelgefühl“. Neben dem ironischen Tonfall der Titel überrascht die Fülle der angewandten Maltechniken, die Loslösung von der Vorlage scheint mit einer geradezu kindlichen Verspieltheit einherzugehen.

Die hier gezeigten Arbeiten entstammen diesen ersten drei Zwischenbüchern über Brigitte Reimann. Weitere zwei Bücher folgen, diesmal dienen alte Kassenbücher der 30er-Jahre als Malgr&, „isolation im traum“ & „gezeiten auf einem schreibtisch“ lauten die Titel. Die Auseinandersetzung mit der Autorin hält, mit Unterbrechungen, bis heute an, neben den fünf Künstlerbüchern existieren bisher einige h&ert Blätter Skizzen, Zeichnungen, Mischtechniken, ferner collagierte Zeichnungen & Ölbilder. Wenn den Künstler Michael Blümel etwas beschäftigt, entwickelt er eine große Hartnäckigkeit, doch dabei erfolgt seine künstlerische Annäherung, im Gegensatz zu seiner systematischen Lektüre, eher in impulsiven Schüben mit zum teil längeren Pausen dazwischen. Weitere Autoren, die Michael Blümel mit seiner eigenwilligen, spontanen Konsequenz verfolgt, sind Volker Braun, Thomas Bernhard & José Saramago. Auch diese Bilderzyklen sind noch nicht abgeschlossen.

„Sie hat exzessiv gelebt, voller Unrast & Verlangen nach Liebe, ihre Lebenskerze war an beiden Enden angezündet – wer leuchten will, muss brennen“, schreibt Ursula März (Die Zeit) über Leben & Werk Brigitte Reimanns. Einige Tropfen dieser Lebenskerze haben Eingang gef&en in den Künstlerbüchern Michael Blümels. Den Betrachtern seiner Arbeit wünsche ich einen „aufgekratzten“ Blick & eine große Neugierde, mit seinem „philosophischen Strich“ hinter die Wachsschichten zu schauen.

Babette Dieterich


“aufgekratzte blicke“ - about brigitte reimann
64 seiten
20 x 14,5 cm
mischtechniken





“impulse“ - about brigitte reimann
64 seiten
18 x 26 cm
mischtechniken





“auf ex“ - about brigitte reimann
80 seiten
14,7 x 22,8 cm
mischtechniken





“szenenwechsel“ - about josé saramago
72 seiten
33, 8 x 16,4 cm
mischtechniken